Ich trauere um die Enkel, die ich nicht haben werde
Online Magazin MINDO - Dezember 2025
Alle haben Enkel, nur du nicht. Lebensberaterin Christina Ott zeigt Wege auf, wie dein Leben trotzdem reich wird.
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„Ich bin 58 und kinderlos – und damit heute auch enkellos. Leider! Die Kinderlosigkeit war vor Jahren ein Problem für mich, das ich überwunden glaubte, doch jetzt trifft es mich irgendwie doppelt. Wenn meine Geschwister oder Freundinnen unentwegt von ihren Enkelkindern sprechen, stehe ich manchmal wie eingefroren daneben – und werde von Schmerz überwältigt. Doch keiner bemerkt es. Die Fotos auf dem Smartphone werden allen direkt vor die Nase gehalten: Enkelkind vorm Strandkorb, hinterm Strandkorb, mit Eis, mit Schwimmring – ach, wie süß! Manchmal schwappt neben der Trauer auch eine Welle von Wut in mir hoch: ,Geht’s noch? Gibt es nicht noch andere Themen?‘, würde ich dann am liebsten rufen. Aber ich schlucke es herunter. Die anderen können natürlich nichts dafür, dass es mir so geht. Aber ein bisschen mehr Sensibilität wäre manchmal schon schön. Wie kann ich besser damit umgehen?“ – Martina H.
Liebe Martina,
Situationen wie du sie beschreibst, entstehen immer wieder. Wer ungewollt kinderlos bleibt, den holen die Wellen der Trauer, des Verlustes, der Leere und Klage mehrfach ein. Und obwohl man mit der Zeit hoffentlich Frieden gefunden hat, weil Lebensjahre ins Land gegangen sind, ploppt die Not in einer späteren Lebensphase oft noch einmal auf. Obwohl vorhersehbar, kommt sie dann doch irgendwie unerwartet – immer nur ein Klassentreffen oder ein Familienfest entfernt. Die Endlosschleife „unerfüllter Kinderwunsch“ schwappt in die nächste Generation. Denn auch das Enkelnest bleibt leer. Befreundete Paare werden Großeltern, kinderlose Paare werden es nicht.
Was ist mein Leben wert?
Die unbedachte Begeisterung oder mangelnde Sensibilität dieser Glücklichen konfrontiert mit dem eigenen Mangel. Fragen melden sich: „Was ist mein Leben wert ohne Kinder und Enkel? An wen vererbe ich mein Vermächtnis? Wem schenke ich meine Liebe und Fürsorge, gerade jetzt, wo oft mehr freie Zeit zur Verfügung steht?“ Es sind gute, wichtige Fragen. Und sie brauchen eine befriedigende Antwort, um in den Hintergrund treten zu können.
Welche Hilfen gibt es? Ich glaube an die Wirkung von Vorbildern. Natürlich hat jedes Paar seinen eigenen Weg zum inneren Frieden zu gehen, doch andere Menschen zeigen, dass es möglich ist. Mir fällt Dietrich Bonhoeffer ein. Seinen bekannten Ausspruch „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“, formulierte der Gegner des Naziregimes in einem Brief aus dem Gefängnis. Er wusste, was es bedeutet, auf etwas zu hoffen, das nicht eintritt. Für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch ist dieser Gedanke herausfordernd und tröstlich zugleich. Er sagt: Erfüllung bedeutet nicht, dass alle Träume wahr werden. Sie entsteht, wenn wir das Leben in seiner Tiefe annehmen – mit Schmerz und Sehnsucht, aber auch mit Dankbarkeit für das, was möglich ist. Ein unerfüllter Wunsch darf Raum haben, ohne das ganze Leben zu bestimmen. Beziehungen, Kreativität, Spiritualität, Engagement – all das können Quellen von Sinn sein.
Bonhoeffer war damals 38 Jahre alt. Er hatte keine realistische Chance, seine Verlobte jemals heiraten zu können. Er macht es vor, nicht in „Alles oder Nichts“-Kategorien zu denken, sondern stattdessen das „Trotzdem“ hochzuhalten. Er findet Frieden in seiner Verlustsituation. Das gilt auch für Paare ohne Kinder und spätere Enkel. Trotz der Leere kann Liebe wachsen. Trotz der Sehnsucht kann Freude entstehen. Und trotz der Wunde kann ein Leben gelingen, das nicht weniger wertvoll ist. Vielleicht ist das die größte Freiheit, zu sagen: „Mein Leben ist mehr als mein unerfüllter Wunsch.“ Bonhoeffer schrieb im gleichen Zusammenhang an seinen Freund: „Wünsche, an die wir uns zu sehr klammern, rauben uns leicht etwas von dem, was wir sein sollen und können.“
Wer könntest du sein ohne diesen schmerzenden Wunsch? Und wie kommst du dahin? Sei wachsam, wenn du dich abgehängt fühlst, überflüssig und sinnlos. Sei alarmiert, wenn Wut über die anderen sich breitmacht. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, verstärkt Selbstzweifel und Einsamkeit. Darum: Bitte tu etwas dafür, dass du nicht in diese Abwärtsspirale rutschst!
Tipps zu Weihnachten, Ostern und Co.
Zieh dich nicht von Menschen zurück. Du möchtest am liebsten zuhause bleiben und die Begegnung mit Familien meiden? Überwinde diesen Impuls. Er löst dein Problem nicht und macht dich nur einsamer.
Sprich Bitten und Wünsche aus. Das ist immer erlaubt und viel konstruktiver, als darauf zu warten, dass alle anderen bemerken, was du brauchst. Kommuniziere im Vorfeld mindestens gegenüber einer Person, die dabei sein wird, wie du dir ein Treffen wünschst. Der Satzanfang „Ich wünschte, wir würden…“ ist als Türöffner Gold wert. Er schafft Klarheit für dich und fürs Gegenüber.
Warte nicht, wohin sich das Gespräch entwickelt. Kinderthemen schieben sich leicht in den Vordergrund. Bring selbst Themen ein, die dir wichtig sind. Du hast etwas zu geben, bist interessant und ein echtes Gegenüber, wenn du dich einbringst in die Familie.
Sage Danke, wenn du dich wohlfühlen konntest. Vergiss nicht: Auch die anderen sind vielleicht unsicher. Es wird sie freuen, wenn du dich zugehörig gefühlt hast. Positive Rückmeldungen verstärken positives Verhalten. Das nächste Familienfest steht dann schon unter einem günstigeren Vorzeichen.
Mach keine Tragödie daraus, wenn sich nur wenig bewegt hat. Bleib dabei und fang beim nächsten Fest von vorn an. Veränderte Familiengewohnheiten brauchen Zeit und Übung.
Dein Wert hängt nicht an Eltern- oder Großelternschaft. Es gibt andere Formen, Leben weiterzugeben: durch Freundschaften, Engagement, Mentoring, Kreativität, Spiritualität. Die Welt wäre ärmer ohne dich. Erfüllung ist möglich – auch wenn dein Herzenswunsch unerfüllt bleibt. Erfüllung heißt: „Ich darf trauern, und ich darf trotzdem ein reiches Leben gestalten – mit Liebe, Sinn und Hoffnung, auch wenn mein Weg anders aussieht als der vieler anderer.“
P.S. Wenn du bis hierher gelesen hast und selbst nicht ungewollt kinderlos bist: Entscheide dich, sensibler sein zu wollen für Menschen, die keine Kinder und Enkel haben können. Schon mit weniger Gedankenlosigkeit kann ein Feiertag für sie von einer emotionalen Odyssee zum freudigen Fest werden.

